Notizbuch
Freitag, 27. Juni 2008 – Einschätzung der Lage
Beirut-Reporter.de notiert, …
… dass In diesen Tagen oft die Diskussion entsteht, ob sich die gewalttätigen Auseinandersetzungen im Libanon innerhalb der muslimischen Bevölkerung zu einem größeren Streit zwischen Schiiten und Sunniten entwickeln könnte. Diese Frage bleibt offen.
Was das obige Beispiel jedoch zeigt, ist die angespannte Lage im Land. Viel Gewalt entsteht dieser Tage aus persönlichen Feden, die sich im Zuge der Besetzung West-Beiruts durch die Hisbollah/Amal Opposition und der Zeit davor ergeben haben. Und so kann der kleinste Anlass schon dazu führen, dass offene Rechnungen beglichen werden, was täglich geschieht, wenngleich auch nicht immer mit Todesfolge. Eher in Schlägereien, gegenseitigen Bedrohungen und dergleichen mehr.
Die unmittelbare Gefahr für den Libanon besteht momentan darin, dass sich das Land nicht erst seit den Verhandlungen von Doha in einer politischen Schwebe befindet, der Staat zu zerfallen droht und seine Autorität zu verlieren, und so mancher Bürger in Selbstjustiz für (Un-)Recht und Ordnung sorgen will.
Diese Entwicklung ist in steigendem Maße seit dem Machtkampf zwischen Parlamentsmehrheit und Opposition Ende 2006 an kleinen Dingen des Alltags zu beobachten: in den Straßen, im Häuslichen, auf der Arbeit. Aggression, daraus resultierende Gewalt, sowie das Gefühl, sich einer zerfallenden Staatsautorität gegenüber nicht mehr verantworten zu müssen, sind seitdem auf dem Vormarsch.
Es stellt sich die Frage, wann und ob der kritische Punkt erreicht wird, an dem sich das schwelende Aggressionspotential unkontrolliert und großflächig bahnbricht und die Schranken geregeltem menschlichen Zusammenlebens fallen.
Die Sommer- und Semesterferien haben begonnen und dauern bis in den September. Jungen Männern, von denen Streit oft ausgeht, ist langweilig. Sie haben oft keinen geregelten Alltag, und die meisten nicht die Mittel, an hippen Beachpartys oder dem Nightlife in Beirut teilzunehmen und dort ihren sexy Landsfrauen nachzusteigen. Zeit, sich endlich die Rivalen und politischen Gegner vorzunehmen.
Dieser Sommer im Libanon und auf den Straßen Beiruts wird heiß, die Temperatur steigt – nicht nur auf dem Thermometer, das heute 29 Grad zeigt.
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Mittwoch, 09. April 2008 / 16:41 Uhr (Beirut GMT +3)
Beirut-Reporter.de notiert, …
… dass Medien in Libanons Hauptstadt über eine Revolte innerhalb Michel Aouns Free Patriotic Movement Partei (FPM) berichten und Aouns Einfluss rapide schwinden sehen, da er Vetternwirtschaft betreibe und einflussreiche Kräfte in der Partei nicht mehr bereit seien, seinen autoritären Führungsstil hinzunehmen.
Bündnis eingegangen: Michel Aoun (Mitte), Nabih Berri (Amal, links), Hassan Nasrallah (Hisbollah, rechts). Foto: Beirut-Reporter.de
Damit ist eine Entwicklung Gang, die Beirut-Reporter.de seit Mitte 2005 gegen den allgemeinen Trend im Libanon vorausgesagt hat. Nämlich, dass Michel Aoun nicht die Führerschaft über die Christen des Libanon übernehmen wird, sondern er und seine Partei nach und nach an politischem Gewicht verlieren.
Im gleichen Zug bestätigt sich – ebenfalls gegen den damaligen politischen Trend – die Prognose, dass der Chef der Lebanese Forces, Samir Geagea, stetig an politischem Gewicht gewinnen wird.
Seine ausgedehnten politischen Gespräche in den USA haben ihn zum absoluten Schwergewicht in der regierenden 14. März Bewegung des Libanon gemacht, und die USA haben einen neuen-alten Gewährsmann in der Levante offiziell reaktiviert.
Lebanese Forces Chef Samir Geagea.
Foto: Beirut-Reporter.de
Beirut-Reporter.de hält es für durchaus denkbar, dass Geagea in ein paar Jahren als aussichtsreicher Kandidat für das Präsidentenamt des Libanon gilt. Derlei Ambitionen kann man ihm – wenngleich von ihm selbst öffentlich zurückgewiesen – mit hoher Wahrscheinlichkeit unterstellen.
Aouns Wähler wandern rapide ab, seitdem er Anfang 2006 ein politisches Zweckbündnis mit der Hisbollah Organisation geschmiedet hat. Es lautet: Hisbollah macht mit ihren Stimmen Aoun zum Präsidenten und im Gegenzug sorgt Aoun als Präsident dafür, dass Hisbollah nicht entwaffnet wird.
Das Bündnis stieß vielen Anhängern Aouns bitter auf, denn die Wähler der Free Patriotic Movement Partei haben mit Hisbollahs Anhängern nicht viel gemein, außer das, was ihnen das Zweckbündnis vorgibt.
Beide kommen aus zwei unterschiedlichen Schichten: Hisbollahs Wähler entspringen zu großen Teilen der armen schiitischen Schicht des Libanon. Aouns Wähler sind meistens Christen und gehören oft der gebildeten Mittel- oder Oberschicht an. Beirut-Reporter.de hat mehrfach direkt erlebt, wie Aouns Anhänger distanziert oder gar mit Verachtung auf Hisbollahs Anhänger hinabschauten.
Aouns Anhänger sind in eine schwere Krise geraten. Sie wollen Aoun nicht mehr unterstützen, haben aber gleichzeitig keine Alternative. Manch einer wendet sich den Lebanese Forces von Samir Geagea zu. Für viele ist das aus historischen Gründen jedoch keine Alternative.
Geagea als Chef der Lebanese Forces Miliz und Aoun als Chef einer von zwei rivalisierenden Regierungen im Libanon hatten sich Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) vernichtende Schlachten geliefert, die bis heute viel böses Blut geschaffen haben und die Christen des Libanon schwer ausgezehrt.
Aouns Beharren auf der Präsidentschaft, die durch das Zweckbündnis mit befeuerte Wirtschafts- und Regierungskrise sowie Aouns autoritärer Führungsstil haben ihn für viele seiner ehemaligen Anhänger unwählbar gemacht.
Die Zeichen stehen schlecht dafür, dass Michel Aoun sein politisches Gewicht behält. Wird der alte General seine Strategie ändern?
Beirut-Reporter.de @ April 9, 2008

